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Grenzen erkennen

Methodenbeschreibung

Technischer Hinweis zur korrekten Ansicht der Übung:

Gehe in den Einstellungen deines Computers in die „Anzeige(auflösung)“. Überprüfe dort die Einstellungen der Skalierung und passe sie ggf. auf 100% oder 125% an. Bei einer Skalierung von 125% muss die Ansicht im Browser von 100% auf 75% reduziert werden.

Viele Menschen aus Deutschland – insbesondere wenn sie einen deutschen Pass haben – überqueren Grenzen mit großer Selbstverständlichkeit und oft fast unbemerkt. Ebenso ist es mit einer Vielzahl von Alltagsprodukten, die nach Deutschland eingeführt werden, ohne dass ihren Nutzer*innen die vielfachen Grenzüberquerungen bewusst sind. Die Übung macht diese Grenzüberquerungen sichtbar und thematisiert die Unterschiede zwischen der Selbstverständlichkeit, mit der viele Menschen und Waren Grenzen überqueren, und den Hindernissen, die Grenzen für andere Menschen darstellen.

Da beim Arbeiten mit Landkarten häufig die Darstellung selbst zum Thema wird, bietet es sich an der Übung eine Besprechung verschiedener Welt-Abbildungen vorzulagern (hier als Einstieg markiert).

Die Methode kann im Online- und im Präsenz-Format angewandt werden.

Methode: Weltkarten-Visualisierung

Zeitaufwand: 45 Minuten

Gruppengröße: beliebig

Raum, Aufbau: Stühle im Halbkreis, Stuhlkreis, Beamer und Projektion (bei Präsenz-Durchführung); Videokonferenz-Tool mit Videofunktion für alle Teilnehmer*innen (bei Online-Durchführung)

Material: Computer/Laptop, Beamer (bei Präsenz-Durchführung)

Teamer*innen: 1-2

Einstieg (optional): die Teilnehmer*innen kennen alternative Welt-Abbildungen zu der bekannten Mercator-Projektion und können letztere kritisch hinterfragen.

Hauptteil: Die Teilnehmer*innen erkennen, dass sie häufig mit Grenzüberquerungen zu tun haben und dies für die meisten von ihnen oft selbstverständlich oder nicht sichtbar ist. Sie diskutieren, warum in einigen Fällen Grenzen leicht überquert werden können und in anderen nicht.

Einstieg (optional): Die Peters-Projektion (Hintergrundinformationen siehe unten) wird mit der weit verbreiteten Abbildung der Erde, der Winkel-Tripel-Projektion, verglichen.

Hauptteil: Mit Hilfe der frei verfügbaren Karten von OpenStreetMaps (https://www.osm.org) werden verschiedene Routen dargestellt (von Produkten, Menschen und Daten) und gemeinsam erarbeitet, welche Grenzen jeweils überquert werden. Anschließend reflektieren die Teilnehmer*innen über die (Un)Sichtbarkeit von Grenzen und wie sie Menschen unterschiedliche betreffen.

Die*der Teamer*in wählt vier bis fünf Aussagen aus, die zu der Gruppe passen. Sie*er bereitet den Beamer (bei Präsenz-Durchführung). Am Computer öffnet sie*er in einem Tab das Landkartensystem OpenStreetMaps (https://www.osm.org). Für den Einstieg muss zusätzlich die H5P-Einstiegsfolie, die zuerst an die Wand projiziert bzw. im Videokonferenz-Tool gezeigt wird, geöffnet werden.

Einstieg (optional):

Die Weltkarte (siehe h5p-Tool in dieser Übung) wird auf die Wand projiziert. Die linke Seite zeigt eine Peters-Projektion und die rechte eine den Teilnehmer*innen bekannte Mercator-Projektion (Hintergrundinformationen siehe unten). Die*Der Teamer*in macht durch bewegen des Schiebereglers (die Trennlinie zwischen den beiden Weltkarten-Abbildungen) deutlich, dass es sich um zwei verschiedene Darstellungen der Welt handelt. Sie*Er fragt die Gruppe, wie sich die beiden Darstellungen unterscheiden. Falls Teilnehmer*innen etwas über die unterschiedlichen Darstellungen wissen, teilen sie dies. Falls dies nicht der Fall ist, erklärt die*der Teamer*in was es mit den beiden Darstellungen auf sich hat.

Hauptteil:

Nun wechselt sie*er zu „OpenStreetMap“ und fragt die Teilnehmer*innen, was sie auf der Karte sehen. Wenn sie dabei nicht von selbst Grenzen erwähnen, fragt die*der Teamer*in, ob sie auf der Karte Grenzen sehen und welche sie kennen. Für den folgenden Schritt übernimmt ein*e Teamer*in das Fragen-Stellen an die Gruppe, die*der andere Teamer*in übernimmt das Vorlesen der Aussagen (siehe unten) und die Auswahl eine Route bei OpenStreetMap. Vor der Übung sollten vier bis fünf Aussagen ausgewählt werden. Diese können auch an die jeweilige Gruppe angepasst werden. Nun wird die erste Aussage vorgelesen. Die Teilnehmer*innen werden gebeten sich zu melden, wenn sie eine Aussage mit “ja” beantworten können. Dann werden einige Teilnehmer*innen (die sich gemeldet haben) gefragt, an welchen Ort, welches Land oder welchen Gegenstand sie bei der Aussage gedacht haben. So könnten sie bei der Aussage “Ich habe Lebensmittel zu Hause, die nicht in Deutschland produziert wurden” zum Beispiel sagen: “Tomaten aus Italien”. Die*der Teamer*in wählt nun bei OpenStreetMap die Route Italien – Deutschland. Die*der Teilnehmer*in wird gebeten, die Grenzen zu nennen, die auf der Strecke überquert werden. Nun werden weitere Teilnehmer*innen gebeten den Ort/das Land/den Gegenstand zu nennen, die Route wird eingezeichnet und die überquerten Grenzen gesammelt. Optional könnten die Teilnehmer*innen auch aufgefordert werden, per Internet Recherchen über den Weg einiger Waren oder Gegenstände, die sie nutzen, anzustellen. Hierfür muss entsprechend mehr Zeit eingeplant werden.

Die Durchführung erfolgt ähnlich wie im Raum.

Einstieg:

Die*der Teamer*in bittet die Teilnehmer*innen sich Weltkarten auf der Seite https://www.f3kollektiv.net/materialien/grenzen-erkennen/ anzuschauen und spricht mit ihnen über die unterschiedlichen Darstellungen der Erde.

Hauptteil:

Dann öffnet sie*er OpenStreetMap und teilt ihren*seinen Bildschirm beim verwendeten Videokonferenz-Tool. Alle Teilnehmer*innen werden darum gebeten, ihre Webcam abzudecken, z.B. mit einem Klebezettel. Die*der Teamer*in liest die Aussagen vor und bittet die Teilnehmer*innen den Klebezettel zu entfernen, wenn sie eine Aussage mit „ja“ beantworten können. Dadurch wird deutlich auf wenn die Aussage zutrifft. Ansonsten verläuft die Übung wie in der Präsenz-Variante.

  • Ich war in mindestens einem Land, abgesehen von dem Land, in dem ich geboren bin.
  • Ich war auf mindestens einem anderen Erdteil, abgesehen von dem, in dem ich geboren bin.
  • Ich habe eine*n Freund*in außerhalb Europas.
  • Ich habe ein Souvenir aus einem Land außerhalb Europas.
  • Ich habe Lebensmittel zu Hause, die nicht in Deutschland produziert wurden.
  • Ich habe technische Geräte, die nicht in Deutschland produziert wurden.
  • Ich habe Kleidung, die nicht in Deutschland produziert wurde.
  • Ich habe einen Brief oder eine Postkarte aus dem Ausland bekommen.
  • Ich habe mir schon eine Website aus einem anderen Land angeschaut.
  • Ich habe heute schon eine Suchanfrage über eine Suchmaschine abgeschickt.*

*Nach der Beantwortung sollte kurz ein Einblick in die Funktionsweise des Internets gegeben werden. Die Server, die die Rechenleistung für die Suchanfrage liefern, stehen vermutlich nicht in Deutschland. Um sich im Internet „bewegen“ zu können müssen Daten also Grenzen überqueren.

Nachdem alle Aussagen vorgelesen wurden, endet die Übung mit einer rund 15-minütigen Reflexion. Die Teamer*innen wählen geeignete Fragen aus folgender Sammlung aus:

Gefühle:

• Wie fandet ihr die Übung?

• Was hat euch überrascht?

Verlauf und Ergebnis:

• Was sagt ihr zu der Zahl der Grenzüberquerungen, die mit euch in Verbindung stehen?

• Hättet ihr gedacht, dass ihr Teil so vieler Grenzüberquerungen seid?

Bewertung und Transfer:

• Wie machen sich Grenzüberquerungen in eurem Alltag bemerkbar?

• Warum sind manche Grenzüberquerungen unsichtbar?

• Können die Grenzüberquerungen, über die wir gesprochen haben, ohne Probleme geschehen? Warum ist das so?

• Was erschwert Grenzüberquerungen? Was steckt dahinter?

• Gibt es Fälle, in denen es nicht so einfach möglich ist, die Grenzen zu überqueren? Für wen oder was ist es schwerer, Grenzen zu überqueren?

• Warum gibt es diese Unterschiede? Was denkt ihr dazu?

In der Übung wird nach eigenen Grenzüberquerungen der Teilnehmer*innen gefragt. Die dabei gemachten Erfahrungen können in der Teilnehmer*innen-Gruppe sehr unterschiedlich sein: Bei einigen Teilnehmer*innen werden diese problemlos verlaufen sein. Andere werden vor allem negative und eventuell traumatisierende Erfahrungen an Grenzen gemacht haben (etwa rassistische Kontrollen). Die Verschiedenheit dieser Erfahrungen sollte von den Teamer*innen mitgedacht und unter Umständen aufgefangen werden können.

Insbesondere wenn Teilnehmer*innen traumatische Erfahrungen bei Grenzüberquerungen gemacht haben (könnten), sollten die Teamer*innen bei der Workshop-Planung überlegen, ob sie die Übung durchführen können. In jedem Fall sollten die Teilnehmer*innen nicht aufgefordert werden, von ihren Erlebnissen zu berichten. Es kann auch sinnvoll sein, die Übung so abzuwandeln, dass die Teilnehmer*innen bei den Fragen nicht die Webcam abdecken müssen, sondern die*der Teamer*in stattdessen jeweils fragt, ob jemand etwas zu der Frage sagen möchte.

Karten sind nie einfache Abbilder der Realität. Was wird gezeigt und was weggelassen? Wo ist oben und was liegt in der Mitte? Welche Art der Projektion wurde verwendet – also: Welche der bei der Abbildung der Erdkugel auf einer zweidimensionalen Karte immer auftretenden Verzerrungen sind in der Karte enthalten?

Wie man sich bezüglich dieser Fragen entscheidet, ist einerseits von den praktischen Nutzungsanforderungen bestimmt, andererseits sind dies immer politische sowie von historischen und kulturellen Einflüssen geprägte Entscheidungen. Gerade bei der Thematisierung globaler Zusammenhänge ist die Wahl der verwendeten Weltkarte daher wichtig und sollte ebenso bewusst wie transparent getroffen werden: Die verwendete Karte bestimmt mit darüber, welches Bild sich die Betrachter*innen von der Welt machen. Wenn der kugelförmige Planet Erde auf einer zweidimensionalen Fläche abgebildet werden soll, sind Verzerrungen unvermeidlich. Je nach Art und Weise der Projektion der Außenfläche der Erdkugel auf einer Karte entstehen andere Verzerrungen (siehe Abbildung).

Eine der bekanntesten Projektionen ist die Mercator-Projektion. Entwickelt wurde sie von Gerhardt Mercator in Duisburg, der 1569 erstmals eine Weltkarte in dieser Projektion veröffentlichte.

Diese Projektion ist winkeltreu. Das heißt, sie bildet alle Winkel richtig ab, was insbesondere für die Seefahrt dieser Zeit wichtig war. Auch heute noch wird sie aus diesem Grund in der See- und Luftfahrt verwendet. Ebenso bildet die Mercator-Projektion die Formen (etwa von Kontinenten und Ländern) recht gut ab. Jedoch führen Winkel- und Formtreue dazu, dass die Größenproportionen falsch sind. Auf Karten mit Mercator-Projektion werden daher die polnahen Gebiete und Länder unverhältnismäßig groß dargestellt. Europa (circa 10,2 Millionen Quadratkilometer Fläche) erscheint dadurch größer als Südamerika (circa 17,8 Millionen Quadratkilometer), der afrikanische Kontinent wirkt so groß wie Grönland, obwohl er 14 Mal größer ist, Skandinavien (circa 0,8 Millionen Quadratkilometer) größer als Indien (circa 3,3 Millionen Quadratkilometer) und die USA doppelt so groß wie China, das real etwa die gleiche Fläche besitzt. Hinzu kommt, dass wegen der starken Größenverzerrung an den Polen die Antarktis bei Mercator-Weltkarten meist abgeschnitten wird. Dies führt dazu, dass die Nordhalbkugel etwa 60 Prozent der Karte einnimmt und damit größer und zentraler wirkt als die Südhalbkugel. Dennoch wurde und wird die Mercator-Projektion oft auf Weltkarten verwendet, auch wenn diese keiner Winkeltreue bedürfen. Dies hat seine Gründe vor allem in der (post-)kolonialen Dominanz der Länder Europas und Nordamerikas, die durch die Mercator-Projektion größer und zentraler erscheinen als die Länder des Globalen Südens.

Aus Kritik an den Verzerrungen der Mercator-Weltkarte und ihren ideologischen Grundlagen und Folgen, veröffentlichte der deutsche Kartograph und Historiker Arno Peters 1972 eine Weltkarte mit nahezu flächentreuer Projektion – in der also die Größenverhältnisse stimmen. Auch wenn es bereits vorher viele verschiedene flächentreue Kartenprojektionen gab (etwa die Mollweide-Projektion), erhielt die Peters-Projektion durch die antikolonialen Befreiungskämpfe und Unabhängigkeiten der 1950er bis 70er und die von Peters öffentlichkeitswirksam vorgetragene Kontroverse eine große Bekanntheit als Kritik und Gegenpol zur Mercator-Projektion. Die fast vollständige Flächentreue der Peters-Projektion macht die tatsächlichen Größenverhältnisse auf der Welt erkennbar: Zum Beispiel ist der afrikanische Kontinent fast drei Mal so groß wie Europa. Dafür werden Winkel und Formen nicht richtig angezeigt. Die Lage der Kontinente zueinander ist nicht wirklichkeitsgetreu, ebenso kommt es zu starken Verzerrungen der Formen – vor allem in der Nähe der Pole und des Äquators. Das liegt auch daran, dass anders als bei anderen flächentreuen Projektionen die gewohnte rechteckige Form der Weltkarte beibehalten wird, die auch die Mercator-Projektion benutzt.

Die heute am häufigsten genutzten Weltkarten sind Kompromiss-Projektionen zwischen Flächen- und Winkeltreue. So hat die Winkel-Tripel-Projektion mittlerweile die Mercator-Projektion als meistgenutzte Darstellungsweise abgelöst. Dennoch prägte und prägt diese weiterhin die Vorstellungen vieler Menschen von der Welt. Weitere wichtige Setzungen, die von europäischen Gelehrten in der Zeit des Kolonialismus festgelegt wurden und bis heute die gängigen Weltkarten dominieren, sind die Festlegung der Nordausrichtung sowie dass Europa als Orientierungspunkt für das Kartenzentrum dient. Beide Festlegungen bewirken, dass Europa auf den dominanten Welt-Abbildungen zentral, groß und hervorgehoben erscheint. Karten, die etwa China ins Zentrum setzen oder eine Südausrichtung haben, lassen Europa dagegen als kleinen, unauffälligen Zipfel an der eurasischen Landmasse erscheinen.

Wir haben uns aus machtkritischen und didaktischen Gründen entschieden, in der Übung auch eine Weltkarte in Peters-Projektion zu nutzen, die sich sowohl in Süd- wie in Nordausrichtung verwenden lässt. Hiermit sollen die Teilnehmer*innen dazu angeregt werden, die in Deutschland weiterhin vorherrschenden eurozentristischen Weltbilder ebenso wie andere unhinterfragte Ansichten in Frage zu stellen. Die standardisierte Website-Karte von OpenStreetMap nutzt jedoch die Mercator-Projektion (siehe: https://osmdata.openstreetmap.de/info/projections.html).

Gefördert wurde diese Konzeption von HOOU www.hoou.de

Diese Übung baut auf der Übung „Grenzen erkennen“ des Informationsbüros Nicaragua auf. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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