„Wir sind alles Schwestern“: Ein empowernder Lernausflug nach Köln

Fotos: Miriam Juschkat/F3_kollekitv

Raus aus dem Alltag, hinein in die eigene Stärke

Politische Grundbildung kann viel mehr sein als Wissen zu vermitteln. Sie kann Räume öffnen, in denen Frauen sich gegenseitig stärken, neue Perspektiven entwickeln und ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten entdecken. Im Juli 2026 machten sich elf Frauen aus einem Grundbildungskurs der VHS Bielefeld gemeinsam auf den Weg nach Köln. Viele kannten sich bereits aus dem Kurs, einige konnten gut lesen und schreiben, andere noch gar nicht oder nur wenig. Was sie verband: die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen – und die Erfahrung, dass politische Fragen sehr viel mit dem eigenen Alltag zu tun haben.

Frauenrechte werden persönlich

Vor dem Lernausflug beschäftigten wir uns mit Antifeminismus und mit Frauen, die in Brasilien, den USA und Iran für ihre Rechte kämpfen. Dabei ging es nicht nur um Informationen. Wir fragten auch: Was bedeuten Frauenrechte für uns selbst? Wo erleben wir Ungleichheit? Was können wir tun, wenn uns etwas wütend macht oder belastet?
In Köln knüpften wir daran an. Bei einem Rundgang durch Ehrenfeld lernten wir einen neuen Stadtteil kennen und entdeckten Köln aus einer anderen Perspektive. Wegen der großen Hitze passten wir das Programm flexibel an – auch das gehört zu einem guten Lernausflug: aufeinander achten und die Bedürfnisse der Gruppe ernst nehmen.

Ein besonderer Moment war der Besuch bei Agisra, einer Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und geflüchtete Frauen. Dort trafen wir Behshid, die von ihrem eigenen Weg und ihrem Engagement für Frauenrechte erzählte. Als Aktivistin im Iran der 1980er-Jahre setzte sie sich für die Rechte von Frauen ein. Ihre Geschichte machte politische Themen greifbar und eröffnete eine globale Perspektive: Kämpfe für Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung finden weltweit statt. Für viele Teilnehmerinnen mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte entstanden dadurch besondere Anknüpfungspunkte. Eine Teilnehmerin sagte: „Es war super, dass Behshid aufgestanden ist, dass sie gekämpft hat, dass sie sich eingesetzt hat.“ Eine andere ergänzte: „Ich bin stolz auf Behshid, was sie alles geschafft hat.“

Die Begegnung zeigte: Frauenrechte sind kein fernes Thema. Sie betreffen Frauen in vielen Ländern – und sie berühren auch das eigene Leben, etwa in Beziehungen, in der Familie, bei der Erziehung von Kindern oder in der Frage, wie selbstbestimmt wir leben können.

Foto: F3_kollektiv

Ein Raum für Gefühle und gegenseitige Unterstützung

Politische Bildung kann auch emotional sein. Der Besuch bei Agisra hat einige Frauen sehr berührt. Das Schöne dabei: Diese Gefühle hatten Platz und wurden von der Gruppe aufgefangen. Frauen hörten sich zu und gaben einander Halt. Über die zwei Tage entstand ein besonders vertrauensvoller Raum. Es wurde viel gesprochen, gelacht und gescherzt. Eine Teilnehmerin beschrieb ihre Erfahrung mit den Worten: „Die Gruppe steht hinter mir.“ Andere sagten: „Die Gruppe supportet“ und „Wir sind alles Schwestern“.

Für viele Teilnehmerinnen war der Ausflug eine wertvolle Pause von einem fordernden Alltag. Viele tragen viel Verantwortung für Kinder und Familie, manche erleben enge Rollenerwartungen oder Ausgrenzung. Die gemeinsame Zeit außerhalb des gewohnten Umfelds bot Raum zum Durchatmen, für Austausch und für neue Erfahrungen.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung solcher Angebote: Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern schaffen auch Freiräume. Freiräume, in denen Frauen sich begegnen, eigene Interessen entdecken, Selbstvertrauen gewinnen und gemeinsam neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.

Foto: Miriam Juschkat/F3_kollektiv

Selbstbewusst vor die Kamera

Ein Höhepunkt des Ausflugs war der Empowerment-Fotoworkshop mit der Fotografin Miriam Juschkat. Gemeinsam sammelten wir zunächst: Was macht uns wütend, wenn wir an die Rechte von Frauen denken? Und was gibt uns Kraft, Mut und Energie?

Dann wurde es kreativ. In kleinen Gruppen entstanden Ideen für Fotos. Einige Frauen tanzten zu kurdischer Musik, bewegten sich mit Tüchern und setzten den Satz „Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit“ mit ihrem Körper und ihrer Stimme um. Andere malten auf Plakaten, entwickelten Posen und überlegten, was sie sichtbar machen möchten.

Auf einer Wiese in der Natur entstand ein mobiles Fotostudio. Die Frauen konnten selbst entscheiden, wie sie sich zeigen wollen: allein oder in der Gruppe, mit Plakat, Bewegung, Musik, Blicken oder Gesten. Gerade diese Selbstbestimmung war wichtig. Es ging nicht darum, fotografiert zu werden. Es ging darum, das eigene Bild bewusst zu gestalten. Viele Frauen bewegten sich selbstbewusst und mit viel Freude vor der Kamera. Einige waren anfangs noch unsicher oder hatten wenig Erfahrung damit, fotografiert zu werden. In der ermutigenden Atmosphäre des Workshops konnten sie sich jedoch in ihrem eigenen Tempo ausprobieren und selbst entscheiden, wie sie sich zeigen möchten. So entstanden Gruppenbilder und Porträts, die Stärke, Freude und Zusammenhalt sichtbar machen.

Das Feedback war eindeutig: Das Shooting sei „ganz wunderbar“ gewesen, sagte eine Teilnehmerin. Für eine andere war es sogar „die Kirsche auf dem Sahnehäubchen“. Eine Frau brachte ihre Erfahrung mit Hilfe einer Impuls-Karte mit einem Tiger in der Abschluss Reflexion auf den Punkt: „Ich fühle mich jetzt stark.“

Foto: F3_kollektiv

Kleine Schritte sind Veränderung

Empowerment bedeutet nicht, dass von einem Tag auf den anderen alles anders wird. Gerade für Frauen, die viel Verantwortung tragen und mit fest verankerten Rollenbildern umgehen müssen, beginnt Veränderung oft in kleinen Schritten: sich Zeit für sich nehmen, sich trauen, die eigene Meinung sagen. Aber auch zu wissen, wo man Hilfe findet und vor allem: Solidarität und Verbundenheit mit anderen Frauen. Eine Teilnehmerin sagte: Sie stecke „öfter mal den Kopf in den Sand“, aber sie gebe „nicht auf“. Genau darin liegt eine wichtige Erfahrung politischer Grundbildung: Menschen sollen nicht nur gesellschaftliche Zusammenhänge besser verstehen. Sie sollen auch erkennen, dass ihre Erfahrungen zählen, dass sie Rechte haben und dass sie Handlungsmöglichkeiten besitzen.

Unser Lernausflug hat globale Kämpfe für Frauenrechte mit den Lebensgeschichten der Teilnehmerinnen verbunden. Er hat Raum für (manchmal schwere) Emotionen geschaffen, aber ebenso für Freude, Musik, Bewegung, Kreativität und gegenseitige Unterstützung. So wurde politische Bildung nicht nur besprochen, sondern erlebt.

Eine Teilnehmerin fasste die gemeinsame Zeit am Ende besonders schön zusammen: Sie finde „die Gruppe so wunderschön“ und sehe „euch alle als Schwestern“.

Foto: Miriam Juschkat/F3_kollektiv

Danke!

  • Danke an an alle Teilnehmerinnen für ihre Offenheit und ihre Stärke
  • Danke an Loddy für die Begleitung.
  • Danke an Agisra und Behshid für den tollen Einblick in ihre wichtige feministisch Arbeit
  • Und Danke an Miriam für die tollen Fotos und ihre einfühlsame Art zu arbeiten.

Der Lernausflug fand im Rahmen des Projektes Bildung zu den SDGs gegen rechte Ideologien – Kämpfe und Strategien aus dem Globalen Süden statt. Das Projekt wird durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen, durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit sowie von Brot für die Welt mit Mitteln des kirchlichen Entwicklungsdienstes gefördert.